Renate Welsh – Dieda oder Das fremde Kind

Österreich im 2. Weltkrieg. Sie war noch ein kleines Mädchen als die Mutter starb. Der Vater heiratete wieder und zu der Frau sollte sie Mutti sagen. Das umging sie ständig. Die Erinnerungen an ihre Mutti waren zu tief und sie fühlte sich schuldig an ihrem Tod. Als dann der Krieg näher kam und Bomben auch auf Wien fielen, musste die Kleine mit ihrer Stiefmutter den Vater, die geliebten Großeltern und Wien verlassen. Sie gingen in ein Dorf in den Bergen zur Familie der Frau und eigentlich hätte es sehr idyllisch sein können. Aber die Familie begegnete dem Mädchen mit Kälte und Ablehnung. Als sie ein Gespräch der Erwachsenen mitbekam, in dem sie „Die da“ genannt wurde, besteht sie energisch darauf, weiterhin Dieda genannt zu werden.

Geschichten, die eine schwierige Kindheit thematisieren, gibt es viele und doch ist diese besonders. Renate Welsh erzählt in dem sehr persönlichen Buch von ihren eigenen Kindheitserlebnissen, von Heimweh und der ungestillten Sehnsucht eines Kindes nach Menschen, die es lieben, vom Leben einer Außenseiterin. Das ist besonders bedrückend, wenn man bedenkt, das Mädchen war zu Beginn der Handlung erst fünf Jahre alt. So berichtet sie von einer Familie in der das Wort das Großvaters galt, Widerspruch wurde nicht geduldet, dafür gab es drakonische Strafen. So hatten alle Angst vor dem alten Mann, der den Führer verherrlichte und auf die „deutschen Werte“ pochte. Kinder hatten nichts zu sagen, sondern zu gehorchen. Schnell wurde er für mich dadurch zum Unsympath und ich musste mir ständig die Zeit und ihre Umstände ins Gedächtnis rufen, um die sich vor ihm duckenden Frauen zu verstehen. Die Schikanen, die die Kleine erdulden musste, reichten von Liebes- und Essensentzug hin zur Züchtigung. Briefe des geliebten Vaters wurden vorenthalten, der Kontakt zu den Großeltern unterbunden. Immer wieder wurde das Augenmerk auf das damalige Alltagsgeschehen gelenkt und Episoden daraus anschaulich für den Leser dargestellt. Renate Welsh bedient sich dabei einer sehr klaren, aber doch einfühlsamen Sprache mit der sie die Geschichte aus der Sicht der 5jährigen mit all ihrer kindlichen Naivität erzählt, die den Roman, trotz der geschilderten Bösartigkeiten dem Kind gegenüber, so liebenswert macht. Dieser Roman ist ein Jugendbuch, aber auch die Junggebliebenen finden darin eine gut lesbare und interessante Lektüre.

Ich erliege ja zur Zeit immer öfter dem Charme der Schreibweise österreichischer Schriftsteller, zu der Köhlmeier-Geiger-Haslinger-Riege gesellt sich jetzt noch Renate Welsh. Alle können sie sehr gut die Gefühle und Denkweisen ihrer Charaktere vermitteln und sich in die sie für den Leser mit Leben erfüllen. Deshalb freut es mich umso mehr wieder eine neue Autorin für mich entdeckt zu haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Renate Welsh, geboren 1937 in Wien, studierte Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften und schreibt seit 1970 sowohl Kinder- und Jugendbücher als auch Bücher für Erwachsene. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Wien.

Taschenbuch: 192 Seiten * Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag * ISBN-13: 978-3423252539

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