Tom Finnek – Unter der Asche

Unter der Asche
Tom Finnek
Taschenbuch: 656 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3404160518

London 1666. Nur wenige Wochen nach dem verheerenden Brand der vier fünftel von London in Schutt und Asche legte, wurde der vermeintliche Täter, der Franzose Robert Hubert, hingerichtet. Aber hatte er sich wirklich der Brandstiftung schuldig gemacht?
Der 13-jährige Geoffrey Ingram lebte unter elenden Bedingungen, sein Vater, ein Säufer, starb an der Pest. Die Mutter verließ die Familie bereits kurz nach Geoffs Geburt, sein älterer Bruder Edward verschwand vor Jahren und Jezebel, seine Schwester, wurde seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Nun musste sich der Junge allein durchschlagen. Abends arbeitete er bei einem Spelunkenwirt, der seine Wut über das Verschwinden Jezebels, sie war seine Bedienung, an dem Jungen ausließ. Sonntags besuchte er die kostenlose Armenschule von Master Gerrard, dem Eremit von St. Olave. Dieser animierte den Jungen, dem geheimnisvollen Verschwindens seiner Familienmitglieder auf den Grund zugehen und seine Geschichte aufzuschreiben.
In Rückblicken, in denen abwechselnd der Ich-Erzähler Geoffrey und ein auktorialer Erzähler über die Geschehnisse berichten, erfährt der Leser die wechselvolle Geschichte der Familie Ingram. Dabei kommt es vor, dass bereits bekannte Gegebenheiten auch aus anderer Perspektive noch einmal geschildert werden. Das fand ich sehr gelungen, als Leser bekam man so von allen Aspekten und Sichtweisen des Geschehens Kenntnis, was der Suche nach der Wahrheit sehr dienlich war. Die Geschichten der vielen Protagonisten, die alle aus den unteren Gesellschaftsschichten stammten, waren einerseits so – zum Teil auch ineinander – verworren und verknüpft, wurden aber nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven so glänzend aufgelöst, dass man diesen historischen Roman nur ungern zur Seite legen wollte. Tom Finneks Charaktere lebten. Kein einziger fiel der schwarz-weiß-Malerei zum Opfer, es waren allesamt Personen, von denen man sich gut vorstellen konnte, dass sie genau so zu dieser Zeit gelebt haben könnten, mit ihren guten und schlechten Eigenschaften, ihren harten Schicksalen und den wenigen kleinen Freuden des Alltags. Der Autor behandelt aber auch ohne sich zu verzetteln eine Unmenge Nebenthemen in seinem Roman, wie zum Beispiel die Pest, die Geschichte der Digger und nicht zuletzt den großen Brand. Er erklärt politische und gesellschaftliche Hintergründe ebenso, wie er gekonnt eine Liebesgeschichte in die Handlung eingebaut hat, die einerseits sehr gefällig zu lesen ist, andererseits nicht aufdringlich oder gar kitschig wirkt. Alle diese detailreichen Handlungsfäden verwebt Tom Finnek zu einem äußerst gelungenen Ganzen, zu einem wirklich gelungenen historischen Romane. Dazu trug besonders der Ich-Erzähler Geoff bei. Er führte mich mit einer liebenswerten Schnodderigkeit im Stil von Huckleberry Finn in eine Welt, die der Feder eines Charles Dickens entstammen könnte. Tom Finnek ist ein Erzähler, der mit seinen Worten Bilder malt, die sich im Kopf des Lesers verselbständigen.
Leider ist das Taschenbuch nicht mit dem Stadtplan Londons ausgestattet, warum der Verlag darauf verzichtete, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ein Glossar und eine Karte von der Umgebung von Oxshott sind aber auch in dieser Ausgabe enthalten.
Dieser Roman über Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Erbitterung und Rache hat mir äußerst unterhaltsame und kurzweilige Lesestunden beschert. Für mich ist „Unter der Asche“ ein besonderer Roman in der Flut der historischen Romane, den ich sehr gern auch anderen Lesern empfehle.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin.
Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.
Weitere Informationen: www.tomfinnek.de

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2 Antworten zu Tom Finnek – Unter der Asche

  1. Tom Finnek schreibt:

    Hallo Karthause, vielen Dank für die Leserunde, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Der Verlag hat übrigens inzwischen angekündigt, dass in der nächsten Auflage des Taschenbuchs der Stadtplan enthalten sein soll …

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