Theresa Révay – Die weißen Lichter von Paris

Petersburg, Paris, Berlin 1917-1945. Die im Jahr 1917 15-jährige Xenia Ossolin, Tochter des russischen Gardegenerals Fjodor Sergejewitsch Ossolin, wuchs bis zur Oktoberrevolution behütet und in einer heilen Welt auf. Als dann aber ihr Vater erschossen wurde, war sie gezwungen mit ihrer jüngeren Schwester Mascha, dem neugeborenen Bruder Kyrill, ihrer von Schwangerschaft und Entbindung geschwächten Mutter, die die Flucht nicht überlebte, und ihrem Kindermädchen über Odessa nach Paris zu fliehen. In Paris lebten die Emigranten unter ärmlichsten Verhältnissen, Xenia musste allein für die Familie sorgen und arbeitete als Näherin für ein Pariser Modehaus. Nur mit viel Mühe und mit zusätzlichen Näharbeiten, an denen die ganze Familie saß, schafften sie es zu überleben. Ihre Verhältnisse besserten sich erst als ein Modemacher Xenia kennen lernte und sie unter seine Fittiche nahm. Schnell wurde sie zum gefeierten Mannequin. So traf sie dann den deutschen Fotografen Max von Passau. Für ihn war Xenia die Liebe seines Lebens, aber sie hatte in ihrem Leben schon zu viel Schreckliches erfahren und zu viele Verluste beklagen müssen, um sich ganz auf ihn einlassen zu können.

Liest man die Kurzbeschreibung dieses Romans oder schaut man das Cover an, meint man, einen leichten, kitschigen Liebesroman vor sich zu haben. Aber der in „Die weißen Lichter von Paris“ gespannte Bogen geht weit darüber hinaus und die Liebesgeschichte ist nur ein Teil dieser umfassenden Familiensaga. Die Autorin thematisiert die Russischen Revolution, die Glamourwelt der Pariser Modeszene, die verrückten 1920er Jahre in Paris und Berlin, die politisch aufgeladene Situation der ausgehenden Weimarer Republik, den Fanatismus im Dritten Reich und die Widerstandsbewegung gegen das Naziregime sowie die Okkupation Frankreichs durch Nazideutschland. Der geschichtliche Hintergrund ist sehr gut recherchiert leicht verständlich ausgebreitet worden und so eng mit der Romanhandlung verknüpft, dass der Leser in einer atmosphärisch dichten Erzählung, die immer wieder durch Anekdoten von realen Persönlichkeiten aufgelockert wird, gefangen ist. Theresa Révay ist ein Konglomerat aus einem historisch korrekten Roman, einem Politthriller und einer gefühlvollen Liebesgeschichte gelungen. Sie scheut sich nicht, die Gräueltaten aus den bewegten Zeiten der Oktoberrevolution und dem Dritten Reich zu schildern und die daraus resultieren Ängste darzulegen. Aber auch die zarten Gefühle einer entstehenden Liebe werden von der Autorin sehr feinfühlig beschrieben. Aufgrund ihrer Fähigkeit politische Situationen einfach zu erklären und ihre Protagonisten wirklichkeitsnah agieren zu lassen, ist mit diesem Roman ein beeindruckendes Zeit- und Gesellschaftsbild entstanden. Theresa Révays öffnet dem Leser ein Fenster in die damalige Zeit, indem sie gelebtes und nicht doziertes Geschichtswissen vermittelt. Auch die Charakterisierung der Vielzahl ihrer Figuren ist ausgesprochen gut gelungen, alle sind Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, psychologisch ausgefeilt und nicht schablonenhaft. Dabei ist eine Unterscheidung von Realität und Fiktion kaum möglich. Die Lebensumstände der Protagonisten wirken sehr realistisch, die Gefühle sind nachvollziehbar und glaubhaft. Man kann mit Xenia, Mascha, Kyrill, Max, Sarah, Marietta, Kurt und Gabriel mitfühlen und ihre Entscheidungen, auch wenn sie nicht immer richtig sind, nachvollziehen, nichts wirkt künstlich oder aufgesetzt.

Als einzigen Kritikpunkt sehe ich, die im Buch immer wieder vorkommenden Ausblicke auf künftiges Geschehen. Da verlor sich die leichte, elegante Sprache der Autorin und steigerte sich ein wenig ins Pathoshafte.

Der Roman hat meine Erwatungen an ein gutes Buch voll erfüllt. Historische Genauigkeit, durchgehende Spannung, eine unaufdringliche Liebesgeschichte, die zum einem nicht kitschig und zum anderen nicht bis in alle Details ausgearbeitet ist, beiläufige, nicht wertende Wissensvermittlung und ein sehr angenehmer Erzählstil machen diesen Roman aus. Zum Glück liegt schon mit „Der Himmel über den Linden“ für mich bereit, so brauche ich mich von den liebgewonnenen Protagonisten nur ein paar Minuten trennen.

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