Bodo Kirchhoff – Die Liebe in groben Zügen

Die Liebe in groben Zügen

Kirchhoff, Bodo

Gebundene Ausgabe: 670 Seiten

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt

ISBN-13: 978-3627001834

„Sehnsucht nach Liebe ist die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam.“

Bernhard Renz und Verena Wieland, die sich einfach Renz und Vila nennen, sind seit vielen Jahren verheiratet und gut saturiert. Er schreibt die Bücher für Vorabendserien, sie moderiert die Mitternachtstipps eines TV-Senders. Beide wohnen in Frankfurt am Main, haben eine Sommerresidenz am Gardasee und sind auf dem besten Wege, Großeltern zu werden, bis sich ihre Tochter doch noch anders entscheidet und lieber das Sexualverhalten der am Amazonas lebenden Naturvölker erforscht. Das ist der Punkt, an dem sich die Geister und scheinbar auch die Liebeswege des Paares scheiden.

Beide orientieren sich außerhalb des einengenden Tellerrandes der eigenen Ehe, suchen und finden Erfüllung. Vila kommt dem 10 Jahre jüngeren Zwischenmieter ihres Sommerhauses, Kristian Bühl, näher. Renz beginnt eine Beziehung mit der 20 Jahre jüngeren, sterbenskranken Marlies Mattrainer, in die auch Bühl vor langer Zeit verliebt war, die aber seinem Freund den Vorzug gab.

Mit dieser Konstellation ist die Beziehung zwischen Vila und Renz zwar im Gleichgewicht, dieses ist aber sehr fragil. Vila ist für mich in diesem Roman die stärkste Figur, wohl auch, weil ich ihr Handeln noch am ehesten nachvollziehen kann. Renz ist Anfang 60, ist schon deutlich gealtert und lebt an der Seite der kranken Marlies noch einmal auf, während deren Ende unaufhaltsam näher rückt.

In einem anderen Erzählstrang wird die Geschichte vom Heiligen Franz von Assisi und der Heiligen Klara erzählt, die Bühl, der ehemalige Lehrer mit Schriftstellerambitionen, in einem Buch verarbeiten will. Diese beiden Liebenden stehen stellvertretend für das Leiden in der Liebe und sind damit das verbindende Element der vier Hauptpersonen dieses Romans.

Die Liebe ist ein weltbewegendes Thema, in kaum einem Roman fehlt sie. Manchmal wird sie romantisch verklärt, gelegentlich erotisiert, ab und an frivol, oft kitschig und nur selten sehr gelungen in ihren Spielarten dargestellt. In diesem Roman resümiert nun der Mittsechziger Kirchhoff über die Liebe und dieses Fazit, das er auf 670 zieht, hat mir sehr gut gefallen. Man kann sicher trefflich darüber streiten, ob es die Gedanken eines alternden Mannes sind, ob er sich selbst in Renz wiederfindet. Egal. Dieser Roman, in dem es so plakativ um die Liebe geht, dass sogar die Hauptpersonen in den Hintergrund treten, hat mir sehr gefallen. An sich ist die Handlung sehr eingeschränkt und auch die Spannung hält sich in Grenzen. Das Beeindruckende an diesem Roman ist das, was die Liebe aus den Menschen macht und vor allem wie es Kirchhoff mit großer Wortgewandtheit und Lebenserfahrung gelingt, dem Leser dieses oft entehrte Thema mit entsprechendem Tiefgang zu präsentieren. Sprachlich ist es nach meinem Empfinden eines der besten Werke der aktuellen deutschen Literatur.

Dieser Roman stimmt sehr nachdenklich und lässt einen unumgänglich die eigenen Gefühle hinterfragen. Wer dazu den Mut hat, wer die Liebe in (fast) allen ihren Facetten erkunden möchte und dazu die Sprachkunst Bodo Kirchhoffs genießen kann, wird mit „Die Liebe in groben Zügen“ sehr gut beraten sein. Es ist ein Roman, der in Erinnerung bleiben wird, trotzdem werde ich dieses Buch mit Sicherheit noch ein weiteres Mal lesen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Der 1948 geborene Bodo Kirchhoff veröffentlichte Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Romane, zuletzt erschien sein Monolog für Hannelore Elsner „Mein letzter Film“. Der Autor lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee.

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2 Antworten zu Bodo Kirchhoff – Die Liebe in groben Zügen

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Karthause,
    das Buch steht hier schon und wartet darauf gelesen zu werden. Es reizt mich schon sehr lange und nachdem ich einen längeren Artikel über Kirchhoff in der VOLLTEXT gelesen hatte, wusste ich, dass ich es unbedingt lesen muss, Deine Besprechung macht mich noch gespannter auf die Lektüre und ich hoffe sehr, dass ich diese in den Weihnachtsferien genießen kann.

    Liebe Grüße
    Mara

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