Sarah Stricker – Fünf Kopeken

Fünf Kopeken

Stricker, Sarah

Gebundene Ausgabe: 512 Seiten

Verlag: Eichborn Verlag

ISBN-13: 978-3847905356

Kurzbeschreibung (Quelle: Eichborn Verlag)

„Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt. ‚Doofsein kannst du dir mit dem Gesicht wenigstens nicht erlauben‘, sagte er, und wie mit Allem im Leben hatte er natürlich auch damit recht. Also machte meine Mutter das, was sie am besten konnte: alle stolz. Mein armer Großvater konnte sich kaum entscheiden, welche ihrer tollen Begabungen das gesamte Gewicht seiner übersteigerten Erwartungen am meisten verdiente. Das Einzige, wozu meiner Mutter leider völlig das Talent fehlte, war die Liebe.“

Dass die Mutter der Erzählerin ein Wunderkind ist, das steht schon vor ihrer Geburt fest – mehr Wunder als Kind, denn von der Kindheit hält der Großvater fast noch weniger als von der Schönheit. Beides steht ihm nur im Weg bei dem Plan, mit seiner Tochter und dem Modegeschäft das zu schaffen, was ihm als Wehrmachtsoffizier nicht mehr gelungen ist: die Welt zu erobern. Gefühle gewöhnt er ihr dabei vorsorglich ab. Hochintelligent, hochbegabt und nur ganz heimlich hochgradig einsam, ist die Mutter auf dem besten Weg, genau das Leben zu führen, das er sich für sie ausgedacht hat – als die Liebe mit einem Mal doch zuschlägt, und das mit einer solchen Wucht, dass die Mutter ein halbes Leben braucht, um sich davon zu erholen. Nie war Hässlichkeit schöner, Liebe nie gemeiner und Sprache selten solch ein Fest wie in Sarah Strickers fulminantem Debütroman.

Über die Autorin (Quelle: Eichborn Verlag)

Sarah Stricker, 1980 in Speyer geboren, schrieb nach Einsätzen bei der taz und Vanity Fair für viele deutsche Zeitungen und Magazine (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Neon). 2009 ist sie mit einem Stipendium nach Tel Aviv gegangen und kurzerhand dort geblieben, sie berichtet für deutsche Medien über Israel und für israelische Medien über Deutschland. „Fünf Kopeken“ ist ihr schriftstellerisches Debüt, für einen Auszug daraus ist sie 2011 mit dem Martha- Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet worden.

Meine Meinung

Debütromane lese ich sehr gern, weil darin immer ein bisschen die Hoffnung mitschwingt, eine Entdeckung zu machen. Mit „Fünf Kopeken“ stellte nun die Journalistin Sarah Stricker ihren Erstling vor und dieser Roman entpuppte sich für mich als Glücksgriff. Schnell las ich mich in die Geschichte ein und schloss den kauzigen Großvater, die lamentierende Großmutter, die hässliche, aber hochbegabte Mutter und die in der Ich-Form erzählende Tochter in mein Herz. Die Figuren waren lebensecht und sehr glaubwürdig beschrieben. Namentlich werde diese selten genannt. Aber deren Beschreibungen sind so schlüssig, die Charaktere so ausgefeilt und in den Dialogen so eindeutig zuordenbar, dass dies kein Problem, sondern eher etwas Besonderes darstellte.

Die Geschichte selbst wird von der Tochter erzählt. Ihre Mutter, die so hässlich war, dass sie sich Dummheit nicht mehr leisten konnte, erzählt der Tochter ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse, von der Liebe, für die ihr das Talent fehlte und dem, was sie am meisten hasste, die Schwäche. Das alles notiert die Tochter sozusagen für den Leser des Romans. Begegnet man zu Beginn des Romans noch häufig der Großmutter und dem Großvater, der diesem ein ganz besonderes Kolorit verleiht, so wird deren Erscheinen im Handlungsverlauf immer seltener.

Obwohl es sich bei „Fünf Kopeken“ um das Debüt von Sarah Stricker handelt, ist die Sprache erstaunlich ausgefeilt und ausgereift. Sie spielt mit Wortgewandtheit, Witz, Ironie und bissigem schwarzem Humor. Ihr Stil ist sehr ansprechend und durchaus anspruchsvoll. Es gibt einige dialektgefärbte Dialoge, die die Authentizität besonders unterstreichen. Dabei lässt sie ihre Gedanken auch in die Tiefe gehen und betrachtet manche Dinge fast schon philosophisch, ohne dabei den Leser belehren zu wollen.

In der Liebe ist Stolz das erste Opfer. Man kann sich mit Verachtung rüsten.Man kann die beiden Späher Hohn und Spott vorausschicken, um das Lager des Feindes auszukundschaften. Aber je stolzer der Mensch, desto weniger wird er ihren Warnungen Beachtung schenken. Und umso verheerender sind am Ende die Verluste. … Aber das zweite Opfer ist die Vernunft.“ (Seite 453)

Mit „Fünf Kopeken“ hat die junge Autorin einen äußerst beachtenswerten Roman vorgelegt, der sich sehr positiv von der großen Masse der Neuerscheinungen abhebt. Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung. Ich wünsche diesem besonderen Debüt viele begeisterte Leser.

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5 Antworten zu Sarah Stricker – Fünf Kopeken

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Heike,

    danke für die tolle Besprechung! 🙂 Ich habe mir das Buch gestern bereits gekauft und freue mich nun noch mehr auf die Lektüre, 🙂

  2. Pingback: Sarah Stricker – Fünf Kopeken | Literaturen

  3. literaturen schreibt:

    Ich habe es ja gerade auch beendet (und deine Rezension mal schnell bei mir verlinkt) .. der Humor war genau meiner, ein tolles Debüt! Mir war nur die Liebesgeschichte an einzelnen Stellen etwas zu lang geraten, aber nicht so, dass es mich jetzt ernstlich gestört hätte.

  4. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Nach dieser und der Besprechung der Literaturen werde ich mir das Buch jetzt sicher besorgen…klingt sehr gut!

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