Nikolai Karamsin – Die arme Lisa

Die arme Lisa

Nikolai Karamsin

Taschenbuch: 77 Seiten

Verlag: Philipp Reclam jun. GmbH (1986)

ISBN-13: 978-3150078617

Der Inhalt dieser Erzählung ist recht einfach. Lisa, eine Bauerntochter, verliebt sich in den Adligen Erast. Nachdem sie sich ihm hingibt, werden ihre Treffen seltener, dann trennt er sich von ihr und Lisa setzt ihrem Leben ein Ende.

Aus heutiger Sicht wirkt diese tragische Erzählung äußerst banal. Man sollte sich jedoch die Mühe machen, diese im zeitgeschichtlichen Kontext und unter Beachtung der russischen Gesellschaftsstrukturen zu betrachten. Dann wird deutlich, warum Nikolai Karamsin damit eine neue Epoche in der russischen Literatur einläutete. Erstmals brachte ein russischer Schriftsteller die Umgangssprache in die Literatur ein. Er rückt den Menschen mit seinen Gefühlen und seiner Widersprüchlichkeit in den Mittelpunkt und wirft gleichzeitig einen Blick auf das natürliche Umfeld seiner Personen.

Sehr deutlich werden in dieser Erzählung die Unterschiede in der gesellschaftlichen Stellung zwischen Erast und Lisa. Der junge Adlige hat aufgrund seiner Herkunft alle Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Dies ist dem Bauernmädchen Lisa nicht möglich. Als ihr dies schmerzlich bewusst wird, wählt sie den Freitod.

Der Ich-Erzähler ermöglicht es dem Leser, einen Blick von außen auf die Handlung zu werfen, sich aber parallel dazu mit den Protagonisten zu identifizieren. Nie zuvor bekamen in der russischen Literatur Bauern, die gesellschaftlich weder Rang noch Namen hatten, es herrscht noch die Leibeigenschaft vor, eine Stimme. Allerdings ist Karamsin noch weit von Sozialkritik entfernt, er skizziert lediglich den gesellschaftlichen Ist-Zustand und zeigt auf, dass alle Menschen, egal ob von Adel oder einfache Bauern, die gleichen Gefühle haben. Damit ist er ein typischer Vertreter des Sentimentalismus und öffnet die Tür für die russische Literatur der Empfindsamkeit.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia.org(Auszüge))

Am 12. Dezember 1766 wurde Karamsin als Sohn eines Gutsbesitzers in der Nähe von Simbirsk (Uljanowsk) geboren.

1780-83 erlernte er im Moskauer Pensionat des Professors Schaden moderne Sprachen und Literaturen.Nach einem kurzen Zwischenspiel im Petersburger Garderegiment und der Rückkehr nach Simbirsk siedelte Karamsin nach Moskau über, wo er sich 1784-89 dem Kreis um den großen Aufklärer, Verleger und Schriftsteller Nikolai Iwanowitsch Nowikow anschloss. In der von Nowikow gegründeten Zeitschrift veröffentlichte er Übersetzungen, kleinere Gedichte und Erzählungen.

1789-90 reiste Karamsin durch Europa. 1791-92 gab Karamsin die literarische Zeitschrift Moskovskii zhurnal heraus und veröffentlichte dort die auf der Europareise entstandenen Briefe und Tagebuchnotizen, bevor sie 1797-1801 in einer sechsbändigen Buchfassung als Briefe eines russischen Reisenden herauskamen. Im Moskauer Journal veröffentlichte Karamsin auch seine bekanntesten sentimentalistischen Erzählungen wie Die arme Lisa und Frol Silin.

1793-1801 publizierte er eine Reihe literarischer Sammelbände eigener und fremder Werke: Aglaja, Meine Bagatellen, Die Äoniden, ein Pantheon russischer Autoren und ein Pantheon der ausländischen Literatur. 1802-1803 leitete Karamsin die Redaktion des Westnik Jewropy (Bote Europas), der das erste Muster für die dicken russischen Literaturjournale wurde.

Als Alexander I. ihn 1803 zum Reichshistoriographen ernannte, beendete Karamsin seine literarische Tätigkeit und widmete sich ganz der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte Russlands. Er starb am 3. Juni 1826 in Sankt Petersburg.

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2 Antworten zu Nikolai Karamsin – Die arme Lisa

  1. birtheslesezeit schreibt:

    Liebe Heike, eine interessante Lektüre – nicht dick, aber nichtsdestotrotz emotional…Habe von dieser Geschichte noch nie gehört, aber gerne Deine Rezi gelesen.
    Übrigens: ich habe Dir ein Stöckchen zugeworfen – vielleicht magst Du es fangen …? ;-). Herzliche Grüße, Birthe

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