Thommie Bayer – Die kurzen und die langen Jahre

Die kurzen und langen Jahre

Thommie Bayer

Gebundene Ausgabe: 208 Seiten

Verlag: Piper

ISBN-13: 978-3492054812

 

1964 wünschte sich der 12-jährige Simon nichts mehr als den Tod des Vaters, doch an dessen Stelle starb die Mutter. 10 Jahre später wurde der Vater Opfer eines Doppelmordes. Das Motiv der Tat konnte zunächst nicht ermittelt werden, es kam erst nach Jahrzehnten durch einen Zufall ans Licht. Als Simon einige Zeit nach der Tat die Hütte im Wald, in der der Vater ermordet wurde, aufsuchte, lernte er die 8 Jahre ältere Sylvie, Witwe des zweiten Opfers, kennen. Sylvie wird Simons Traumfrau, die Frau seines Lebens, die alles Überstrahlende. Ein Paar werden beide jedoch nicht. Lange Zeit schreiben sie sich Briefe, verlieren sich aber irgendwann aus den Augen, jeder lebt sein eigenes Leben. Als Simon nach Jahren des Schweigens wieder Post von Sylvie erhält, schließt sich ein Kreis.

Thommie Bayer hat einen neuen Roman geschrieben. Wer bereits andere von ihm kennt, wird nicht verwundert sein, er schreibt wieder über die Liebe, ein, wie er selbst sagt, weltbewegendes Thema. Er schildert sie in vielen Facetten. Brillant erzählt Thommie Bayer vom ungestümen Begehren und der alles in den Schatten stellenden Liebe seines Protagonisten zu Sylvie, die ihn wie einen kleinen Bruder liebt, innig, voller Vertrauen – aber platonisch. Sie sieht ihn als Seelenverwandten. So bleibt Simons große Liebe unerfüllt, andere Partnerinnen müssen diese Lücke schließen – mehr schlecht als recht. Neben der Liebe schlängelt sich wie ein alles verbindender roter Faden die Musik durch die Handlung und Simons Leben, Melodien, die man kennt und sofort im Ohr hat.

Die Geschichte wird von Simon rückblickend aus der Gegenwart in der Ich-Form erzählt. Dabei spielt der Briefwechsel mit Sylvie eine bedeutende Rolle. Durch Sylvies Briefe werden sowohl der weibliche Aspekt als auch eine Art Außensicht auf Simon dargestellt. Im immer sporadischer werdenden Blick auf einzelne Jahre nimmt man am Leben der Hauptfiguren teil, lernt sie kennen, versteht ihr Handeln mal mehr oder mal weniger und bekommt ein Gespür für die Zeit – als Telefone noch Wahlscheiben hatten und das Schreiben von Briefen Normalität war – und kann die Entwicklung der Personen und ihres Umfeldes bis in die Gegenwart verfolgen.

Wer bei diesem Roman eine herkömmliche, seichte Liebesgeschichte erhofft, wird wohl enttäuscht werden. Auch einen Krimi hat der Leser trotz des Mordfalles nicht zu erwarten. „Die kurzen und die langen Jahre“ ist ein sehr gefühlvoller Roman über eine unerwiderte Liebe und das sich selbst Fremdsein in „Ersatzpartnerschaften“. Der Schreibstil Thommie Bayers ist beeindruckend, gefällig und sehr angenehm zu lesen. Mit 202 Seiten verteilt auf 50 Jahre Handlung ist dieser Roman komplex und hält einiges Potential zum Nachdenken und sich selbst Erkennen bereit. Ich empfehle ihn sehr gern weiter.

Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm »Die gefährliche Frau«, »Singvogel«, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman »Eine kurze Geschichte vom Glück« und zuletzt »Vier Arten, die Liebe zu vergessen«. (Quelle: Piper Verlag)

 

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