Max Brod – Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung

Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung
Max Brod

Gebundene Ausgabe: 562 Seiten
Verlag: Wallstein
ISBN-13: 978-3835313378

Kurzbeschreibung (Quelle: Wallstein Verlag)
Dieser Roman wurde oft als Max Brods »Zauberberg« bezeichnet, spielt er doch 1914, in den letzten Monaten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, welcher das alte Europa zum Einsturz brachte. Aber nicht ein entlegenes Sanatorium, sondern die kleine deutsche Gemeinde in Prag ist bei Brod das Modell der bürgerlichen Gesellschaft vor dem Kriege. Im Mittelpunkt steht der Gymnasiast Stefan Rott, ein junger Mann aus guter Familie, der sich die Welt zu erklären sucht und seine erste Liebe erlebt – er verehrt Phyllis, die Mutter eines Klassenkameraden und wird schließlich sogar von ihr erhört. Hinter der gutbürgerlichen Fassade aber verbergen sich Lüge und Korruption, wie Stefan nach und nach erkennen muss. Die schöne Phyllis ist dem reichen Advokaten Urban zugetan, und Geld spielt dabei durchaus eine Rolle.Mit dem Attentat von Sarajevo stürzt auch diese kleine Prager deutsche Welt in den Abgrund: Frau Phyllis schießt auf ihren Ehemann, der Anarchist Dlouhy, Stefans Klassenkamerad, wird zum Tode verurteilt. Private und politische Entwicklung sind am selben Punkt angelangt: es wird nicht mehr geredet, es wird geschossen.

Über den Autor (Quelle: Wallstein Verlag)
Max Brod (1884-1968) war vor und nach dem Ersten Weltkrieg einer der bekanntesten Vertreter der Prager deutschsprachigen Literatur, heute ist er vor allem als Herausgeber der Werke Franz Kafkas berühmt.

Meine Meinung
Max Brod war mir bis vor Kurzem als Autor kein Begriff, für mich war er bislang der Herausgeber der Werke Franz Kafkas. Für mein Leseprojekt ‚Erster Weltkrieg‘ suchte ich nach Romanen, deren Handlung unmittelbar vor bzw. in dieser Zeit angesiedelt ist, dabei stieß ich auf ihn als Autor.

In der Beschreibung las ich, dieser Roman sei so etwas wie Max Brods „Zauberberg“. Solche Vergleiche hinken oft und doch hoffte ich ein wenig, dass er dem standhalten würde. Ich möchte es auch gleich vorweg nehmen, ich wurde nicht enttäuscht – im Gegenteil. Solch einen großartigen Roman habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

Im April 1914 lernt man den Prager Gymnasiasten Stefan Rott kennen. Er ist ein guter Schüler und entstammt einem ebenso guten Hause. Die Welt ist noch in Ordnung. Stefan kümmert sich um die Schule und seinen Freundeskreis. Er führt tiefe Gespräche über die Fragen des Lebens und der Moral mit seinem Religionslehrer, dem Katecheten Professor Werder. Er ist hin- und hergerissen von diesen Gesprächen, denn der Professor warnt ihn eindringlich vor Hochmut und böser Begierde zwei Eigenschaften, die dem 17-jährigen nicht fremd sind, begehrt er doch die Mutter seines engsten Freundes Anton Liesegang innigst.

„Sie glauben nur an sich – an nichts anderes als an sich selbst. Sie sind kein böser, auch kein materiell gesinnter Mensch. Aber Ihnen sind im Grunde nur ihre eigenen, persönlichen Empfindungen wichtig. Und das ist schlimm. Auf solche Art machen Sie sich Illusionen und verschließen sich der Wahrheit, – ich meine der einzig richtigen, objektiven, christlichen Wahrheit – Sie entziehen sich den Ausstrahlungen der absoluten Welt Gottes, und die doch etwas ganz anderes als die lüsternen Spiele ihres Ich.“ (S. 42)

Mit seinem Freund Anton entzweit er sich, kommt ihm später aber wieder näher, noch mehr nähert er sich aber Phyllis Liesegang an.

Max Brod hat einen Roman geschrieben, der sehr ruhig und ausführlich den Alltag im Frühjahr und Frühsommer des Jahres 1914 schildert. Es geschieht nicht sehr viel. Die Schüler gehen in die Schule, haben ihre ganz normalen Probleme, Zwistereien und erste Verliebtheiten. Aber es würde dem Roman nicht gerecht, würde man ihn auf diese Sphäre der Handlung reduzieren. Der Autor gibt ein sehr genaues Zeitbild ab. Ein Erzähler überblickt die Zusammenhänge und vermittelt diese dem Leser in dem Maße, wie es für das Verständnis der Handlung erforderlich ist. Er schildert alltägliche Begebenheiten ebenso wie die vorherrschen politischen Strömungen, dabei bedient sich der Autor einer Sprache, die den verstaubten Charme der k. u. k. Monarchie aufleben lässt. Sein Sprachstil ist durchaus anspruchsvoll. Seine langen und mitunter verschachtelten Sätze, die man sich häufig auf der Zunge zergehen lassen muss, fordern dem Leser Konzentration auf den Text ab. Dafür wird man aber mit einem völligen Eintauchen in die Welt des Stefan Rott in seine Gedanken und Gefühle und die historische Situation entschädigt. Dieser Roman hat etwas sprachlich so Erhabenes, das ihn aus der Massen- und Mainstreamliteratur deutlich hervorragen lässt. Stefan Rott, sein Freund Anton und beider Mitschüler Dlouhý stehen für verschiedene politische Strömungen. So sagt Anton zu Stefan:

„Als taufrischer Intellektueller habe ich Marx und Engels Wort für Wort studiert, mit gutem Willen, aufrichtig. Und doch ist das gar nichts und vor der Wirklichkeit stehe ich wie der Ochs am Berg. Dlouhý aber mit seiner vielleicht falschen Theorie, – er ist nämlich gar nicht Marxist, sondern Anarchist, und kaum das, er verkehrt nur mit ein paar Anarchisten, von denen er nicht einmal viel hält, du weißt ja was er in erster Reihe ist: ein guter Kerl und ein Streber – aber außerdem ist er eben trotz der falschen Theorie (und zwar ist er das mit Leib und Leben) ein Mann der Praxis, ja er ist die Praxis selbst, und wenn er es förmlich gegen seinen Willen ist, – genug, er ist es; also etwas ganz anderes und viel mehr als meine richtige Theorie. Proletarier, damit ist alles gesagt.“ (S. 268)

Das Attentat von Sarajewo hat nicht nur Auswirkungen auf die Weltpolitik, auch der kleine Prager Kosmos um unsere Protagonisten ändert sich schlagartig. Auch im Max Rotts Welt wird jetzt geschossen.

„Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung“ ist ein ganz wundervoller Roman über eine Jugend und das Zerbrechen einer heilen Welt. Leser, die Freude an ruhiger Erzählweise und grandiosem Sprachgebrauch haben, werden diesen Roman mit Sicherheit mögen. Die Assoziation zu Manns „Zauberberg“ sehe ich auch nicht mehr als abwegig an. Es freut mich ungemein, dass dieser Roman neu verlegt wurde und ich so die Möglichkeit hatte, diesen zu genießen. Ich mochte ihn von der ersten Seite an, es wird sicher nicht bei diesem einen Max Brod-Roman bleiben.

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