Charlotte Roth – Als wir unsterblich waren

Taschenbuch: 576 Seiten Verlag: Knaur TB ISBN-13: 978-3426512067

Taschenbuch: 576 Seiten Verlag: Knaur TB
ISBN-13: 978-3426512067

Kurzbeschreibung (Quelle: Droemer-Knaur Verlag)

November 1989. »Willkommen in Westberlin«, dröhnt es aus einem Lautsprecher, als die Ostberliner Studentin Alexandra von der Menschenmenge in die Arme eines jungen Mannes gedrängt wird. Liebe auf den ersten Blick!

Berlin vor dem Ersten Weltkrieg. Die junge und mutige Paula setzt sich leidenschaftlich für Frauen- und Arbeiterrechte ein. Ihre Träume von einer neuen, gerechteren Welt teilt sie mit dem charismatischen Studentenführer Clemens, mit dem sie Seite an Seite kämpft. Damals, als sie unsterblich waren, beginnt ihre dramatische Geschichte, die auch die Geschichte unseres Landes ist und die Jahrzehnte später Alexandras Welt für immer verändern wird.

Über den Autor (Quelle: Droemer-Knaur Verlag)

Charlotte Roth, Jahrgang 1965, ist Berlinerin, Literaturwissenschaftlerin und seit zehn Jahren freiberuflich als Autorin tätig. Mit diesem Roman, der auf einem Stück ihrer eigenen Familiengeschichte basiert, hat sie sich einen langgehegten Traum erfüllt. Charlotte Roth hat Globetrotter-Blut und zieht mit Mann und Kindern durch Europa, hält an ihrem Koffer in Berlin aber unverbrüchlich fest.

Meine Meinung

Wenn dein Haus über dir zusammenstürzt, hörst du es vorher in den Wänden knacken … das Knacken sollte Warnung genug sein, aber kein Mensch achtet darauf.“

Es ist der 9. November 1989. Die 23-jährige Alexandra lebt in Ost-Berlin bei ihrer Großmutter (Momi ) und lernt in jener historischen Nacht in den Wirren des Mauerfalls den Westberliner Oliver Schramm kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als sie ihn ihrer Momi vorstellt, reagiert diese jedoch völlig anders als erwartet. In dieser in der jüngsten Vergangenheit angesiedelten Rahmenhandlung wird in einer zweiten Zeitebene die Geschichte von Paula, Clemens und Manfred erzählt. Sie beginnt im Jahr 1912 und wird bis 1933 fortgeschrieben. Es ist eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, vom unbeschwerten Leben in Friedenszeiten und vom Überlebenskampf im Ersten Weltkrieg, es wird von Idealen und vom Scheitern, von Auf- und Umbrüchen erzählt, aber in erster Linie steht über allem eine große Hoffnung.

Charlotte Roth erzählt diesen Roman in zwischen den beiden Zeitebenen wechselnden Perspektiven. Dabei gelingt es ihr auf intelligente Weise, mit dem ersten Satz der im Jahr 1989 angesiedelten Abschnitte an die Handlung in der Vergangenheit anzuknüpfen. In diesem Roman agieren eine Vielzahl von Personen. Alle sind sie mit Leben erfüllt, haben eigene Charaktere, Stärken und Schwächen, sie handeln nicht immer wohlüberlegt, sie sind sehr menschlich in ihrem Tun. Und gerade das ist es, was diesen Roman so lebendig wirken und zu einen beeindruckenden Zeitbild werden lässt.

Besonders fasziniert war ich, wie es Charlotte Roth gelang, sich in die an der Front kämpfenden Männer hineinzuversetzen. Endloses Hocken im Schützengraben, Dauerbeschuss durch die Artillerie, Stellungskrieg, Sperrfeuer, Trommelfeuer, Gasangriffe, Verwundung und Tod der Kameraden, all das spart sie nicht aus.

Der Lärm der tausend Geschütze, die die Stadt Verdun unter Feuer nahmen explodierte in Clemens‘ Ohren. Er war sicher, nie wieder etwas hören zu können, das leise war, keine Musik, kein Zirpen im Sommergras, kein Liebesgeflüster. Stockstarr, zum Angriff bereit, mussten die Männer im Graben ausharren, während vor ihnen die Welt in Stücke ging. Minen rissen riesige Krater, aus denen der Schlamm in meterhohen Fontänen aufspritzte. Inmitten des Trommelfeuers, zwischen fliegenden Geschossen und Rauchwolken, ließ sich ab und an eine menschliche Gestalt ausmachen, die die Arme hochriss und zu Boden ging. Jedes Mal, wenn der Höllenlärm sich abschwächte, wenn die Hoffnung erwacht, er könnte sich legen, flammte er gleich darauf stärker wieder auf.“ (S.277/278)

Wie ein roter Faden ziehen sich die Ereignisse, die an einem 9. November in der deutschen Geschichte bedeutungsvoll waren durch diesen gut recherchierten Roman, der nicht nur aufgrund des sich zum 100. Mal jährenden Beginn des Ersten Weltkrieges von großer Aktualität ist. Er ist auch ein Stück SPD-Parteigeschichte. Davon sollte sich aber kein Leser abschrecken lassen. „Als wir unsterblich waren“ ist ein äußerst interessanter Roman der die Zeitgeschichte bildhaft vor dem inneren Auge des Lesers aufleben lässt. Aber auch sprachlich hat mich dieser Roman vollkommen überzeugt. Die in ihm vorkommenden Liebesgeschichten sind frei von Kitsch, sondern einfach nur glaubhaft, lebensnah und schön beschrieben. Er spiegelt die ganze Bandbreite von Liebe und Schmerz, Krieg und Frieden, Hoffnung und Enttäuschung wieder, die man sich vorstellen kann. Ich hätte gern mehr solcher Romanen, die so faszinierend, fesselnd und informativ sind. Und diesem Roman wünsche ich viele, viele Leser. Als ich dieses Buch zurück ins Regal stellte, habe ich auch von Personen verabschiedet, denen ich sehr nah war.

Als wir unsterblich waren“ ist ein historischer Roman für Herz und Verstand, der neben den Geschehnissen im November 1989 Einblick in die Zeit des Ersten Weltkrieges und die wilden 20-er Jahre gibt und das Leben seiner Helden wie ein Bilderbogen vor dem Leser ausbreitet. Es ist eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, von Freude und Leid im alltäglichen Leben, vom Entstehen und Sterben von Idealen, von persönlichen und gesellschaftlichen Wendepunkten, aber in erster Linie ist es eine wunderbare, äußerst unterhaltsame Familiengeschichte.

 

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