Bodo Kirchhoff – Verlangen und Melancholie

Cover Verlangen und MelancholieVerlag: Frankfurter Verlagsanstalt

ISBN-13: 978-3627002091

Gelesen: August 2014 RE

Der Verlag über das Buch

Hinrich, dem ein „e“ zum eleganteren Heinrich fehlt, findet an einem sonnigen Maitag einen Brief mit schwarzem Rand in seinem Briefkasten. Wer mag da gestorben sein? Hinrich wagt nicht, den Umschlag zu öffnen. Seit seine Frau vor neun Jahren bei einem Sturz aus 43 Metern Höhe ums Leben gekommen ist, lebt er allein. Seine Zeit als Kulturkorrespondent bei einer großen Frankfurter Zeitung liegt hinter ihm. Und so gehören seine Tage den Erinnerungen an Irene, der geliebten Mutter seiner Tochter Naomi, der Übersetzerin anspruchsvoller italienischer Literatur. Da gab es die gemeinsamen Sommer in Italien, ihre Reisen nach Pompeji, wo sie vor den berühmten Fresken der Villa dei Misteri stundenlang stehenbleiben konnten, um deren Bedeutung zu enträtseln. Und ihre Liebe zum Kino; sie mochten das Schwermütige der Schwarzweißbilder, aber ließen sich auch verführen von etwas Leichtem. Doch was geschah wirklich vor neun Jahren, vor ihrem Sturz? Und was steht in diesem Brief mit dem schwarzen Rand? Aufklärung bringt erst eine Reise nach Warschau, wo Hinrich sowohl das Leben mit Irene als auch die Zeit mit einer früheren Geliebten in einer Weise einholt, die alles auf den Kopf stellt, woran er geglaubt hat.

„Verlangen und Melancholie“, der neue große Roman von Bodo Kirchhoff, ist ein mit einer hintergründigen Spannung geladener Roman, der den Leser mitnimmt auf eine Spurensuche, bei der langsam, aber unerbittlich die Aufdeckung des großen „Warum“ geschieht und der Held die Wahrheit über den Tod seiner Frau erkennt. Bodo Kirchhoff erzählt dabei auch von einem Älterwerden, ohne dass die Wünsche mitaltern, von einem ewig jungen Verlangen und einer letztlich hilfreichen Melancholie.

Der Verlag über den Autor

Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt sein von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierter Roman Die Liebe in groben Zügen (FVA 2012). Mehr Informationen zu Leben und Werk finden Sie auf der Webseite des Autors.

Meine Meinung

Wann endet ein Leben, wenn das Herz nicht mehr schlägt oder es sinnlos erscheint, dass es noch schlägt?“ (S. 11)

Hinrich, Ich-Erzähler, Rentner und ehemaliger Zeitungsredakteur, ist Witwer. Seine Frau Irene nahm sich vor neun Jahren das Leben. Er ist einsam. Melancholisch wendet er seinen Blick auf das Vergangene, gleichzeitig gewinnt jedoch sein Verlangen danach, Antworten zu finden, Antworten auf das im Raum stehende Warum? immer mehr an Bedeutung.

Ich war abends allein, ein Stütze nur der grüne Tee und gelegentlich die Sechste von Bruckner, weil Irene sie gern gehört hatte; ich stand in der Küche bis der Tee getrunken war, und später am Fenster, ich konnte nicht sitzen, nur stehen und schauen. Ich suchte über der Stadt nach Sternen, wie ein Bemühen um Nichterfolg, weil zu viel Licht von den Hochhäusern kam, höchstens ein paar Pünktchen am Nachthimmel flimmerten, schäbige Sonnen, auch wenn es sonst wo im All noch die hellsten waren. Und immer weder die Frage Warum. Warum hat sie das gemacht, was war der letzte Anstoß?“ (S. 92)

Vielfältig ist das Themenspektrum, welches Bodo Kirchhoff in seinem Roman bedient, es geht ihm nicht nur um Liebe und Trauer, es geht um das Älterwerden und das sich in den Wünschen noch jünger Fühlen, aber auch um Schwarzgeld in der Schweiz, um das Für und Wider der Anschaffung eines Haustiers, um Musik und Literatur und nicht zuletzt um die Familienbande. Wie ein roter Faden ziehen sich Gedanken an Eros in Pompeji durch den Roman, zum einen durch die gemeinsamen Erlebnisse mit Irene und zum anderen wegen der Ausstellung, die Naomi, Hinrichs und Irenes Tochter, im Museum für alte Kulturen organisiert hat. Wobei man zwischen Pompeji und Hinrichs und Irenes Ehe durchaus Analogien sehen kann. In diesem Themen-Kaleidokop gibt es kein Verzetteln oder sich Verlieren. Bodo Kirchhoff ist ein Sprachkünstler, ein Wortjongleur, der mit einem ungeheuren Sprachgefühl jedes Wort abgewogen und genau platziert hat.

„Verlangen und Melancholie“ ist ein beeindruckender Roman, der für mich sowohl sprachlich als auch thematisch vollends überzeugt hat. Hinrich, der Protagonist, wurde äußerst facettenreich charakterisiert wie er als liebes- und lebenserfahrener Ruheständler mit dem Verlust eines geliebten Menschen und der Trauer darüber sowie dem Verlangen, das Unabänderliche zu verstehen und im eigenen Weiterleben einen Sinn zu sehen. Tiefgreifende Gedanken, gepaart mit Wortwitz und kleinen gezielten Sticheleien gegenüber den örtlichen Printmedien machten diesen mich doch sehr nachdenklich stimmenden Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.

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5 Antworten zu Bodo Kirchhoff – Verlangen und Melancholie

  1. kulturgeschwaetz schreibt:

    Ich freu mich schon so auf das Lesen!

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Danke für die schöne Besprechung! Ich habe Die Liebe in groben Züge so gerne gelesen, dass ich auch dieses Buch möglichst schnell verschlingen möchte – deine Besprechung macht mich nun noch neugieriger!

  3. Pingback: Das blaue Sofa | Karthauses Bücherwelt

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