Husch Josten – Der tadellose Herr Taft

Herr Taft1Gebundene Ausgabe: 240 Seiten

Verlag: Berlin University Press

ISBN-13: 978-3862800698

Daniel Taft ist Brite mit deutscher Mutter, in Frankreich hat er studiert und dort arbeitet er für ein internationales Unternehmen, für das er quer durch Europa reist. Er hat Europa im Blut. Als er von einer seiner Reisen zurückkehrt, hat ihn Veronika, seine Frau, wort-, und aus seiner Sicht, grundlos verlassen. Nichts deutete im Vorfeld darauf hin. Taft verliert förmlich den Boden unter den Füßen. Er kann nicht mehr klar denken, seine Gedanken drehen sich im Kreis. Nach Wochen beantragt er bei seinem Arbeitgeber eine Auszeit von einem Jahr.

Der Schmerz machte ihn paranoid. Er fühlte sich beobachtet, bildete sich ein, Veronikas Anwesenheit zu spüren, dann stürzte er zum Fenster, aus der Tür, suchte nach ihr wie ein Getriebener, ein halluzinierender Geisteskranker, um festzustellen, dass er einer ahnungslosen Passantin hinterhergejagt war. In manchen Nächten löschte er alle Lichter in seinen Appartement, setzte sich ans Fenster und suchte mit einem Fernglas die gegenüberliegenden Wohnungen ab, ob Veronika in einer darin wohnte. In seinem Zustand konnte er nicht mehr gewissenhaft arbeiten.“ S. 28/29

Es zieht ihn förmlich in die Heimatstadt seiner Frau. Dort lässt er sich nieder, in der Hoffnung, sie eines Tages dort zu treffen. Er mietet eine Wohnung und ein Ladenlokal an und verkauft, angeregt durch Gedächtnisstützen auf losen Zetteln, Themen. Seinen Laden nennt er „Theorie“ und hat damit überraschenderweise Erfolg. Die Medien berichten über die sonderbare Geschäftsidee und schnell wird der Laden zur Touristenattraktion. Dann lernt er Olivia kennen. Für viele Menschen mutet die Soldatin ebenso exotisch an wie Daniel Taft mit seinem ungewöhnlichen Laden. Es entwickelt sich eine ganz besondere Freundschaft und eines Tages stellt ihm Olivia, die unmittelbar vor einem Afghanistan-Einsatz steht, eine grundlegende Frage: „Wofür würdest du kämpfen?“

In letzter Zeit habe ich einige kluge und intelligent geschriebene Romane gelesen, aber keiner war dabei, in dem der Leser zum Hinterfragen eigener Standpunkte förmlich aufgefordert wird. Husch Josten stellt Fragen, unbequeme Fragen und berührt damit den Puls unserer Zeit. So schneidet sie als Themen Europa und die deutsche Politik an, bezieht die Afghanistan-Problematik im Speziellen und den Krieg im Allgemeinen ein den Roman ein. Aber auch ganz allgemeine Denkanstöße, z.b. den das Nachdenken der Menschen betreffend, fand ich ebenso interessant wie unterhaltsam dargelegt. Gerade die offenen Fragen regen unwahrscheinlich zum Nachdenken an, man positioniert sich selbst und hinterfragt eigene Standpunkte.So wie Daniel Taft seine Ehefrau suchte, dem mit der Frau sein Lebenssinn abhanden gekommen war, der sich vollkommen neu orientieren musste, so sucht auch der Leser nach Antworten auf die aufgeworfenen Fragen.

Wie ein roter Faden zieht sich die Musik durch den Roman. In jedem Kapitel wird ein Song angesprochen, der mit dem Geschehen harmoniert.

Husch Josten hat einen ganz hervorragenden Roman geschrieben, einen der mich voll und ganz überzeugt. Sprachlich ist er kraftvoll und wortgewaltig, aber gleichzeitig sehr feinsinnig und empathisch. Inhaltlich breit gefächert, gesellschafts- und sozialkritisch, bleibt er trotzdem immer eng an der Handlung, die auch mit unvermuteten Wendungen aufwartet. Es gibt keine störenden Längen oder gar ein Abdriften ins Banale.

„Der tadellose Herr Taft“ ist ein sehr lesenswerter, kluger Roman, der zum Denken anregt, zum Diskutieren verleitet und einen langen Nachhall hat. Für mich ist er das Jahreshighlight. Ich wünsche mir, dass dieser Roman viele, viele Leser erreicht und diese genau so begeistert wie mich.

Der Verlag über die Autorin

Husch Josten, Jahrgang 1969, lebt als Schriftstellerin in Köln. Ihr Debütroman „In Sachen Joseph“ (2010) wurde für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Der vielgelobte zweite Roman „Das Glück von Frau Pfeiffer“ (2012) erschien in drei Auflagen. Zuletzt veröffentlichte sie unter dem Titel „Fragen Sie nach Fritz“ Kurzgeschichten (2013).

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